Das Internet der Dinge – das Internet der Menschen. Gesellschaftspolitik im digitalen Wandel (Teil 1)

 

Digitalisierung ist in aller Munde, ist das Modethema der Zeit. Im Vergleich zu vielen Trends wird die Beschäftigung mit dem digitalen Wandel bleiben, denn die Veränderungen, die er mit sich bringt, werden all unsere Lebensbereiche radikal verändern. Meist wird die Digitalisierung mit der industriellen Revolution gleichgesetzt, die durch den Einsatz neuer Technologien vor allem Auswirkungen auf die Wirtschaft hatte. Für Individuen werden die Veränderungen daher vorwiegend als Veränderungen auf das Individuum als Arbeitskraft beschrieben. Die Veränderungen sind jedoch allumfassend: Dies betrifft selbstverständlich Arbeitsmarkt und Wirtschaft, aber auch das Bildungswesen, zwischenmenschliche Interaktion, Freizeit u.a. Von daher ist die Digitalisierung eher mit dem Buchdruck zu vergleichen, der ebenfalls eine disruptive Technologie darstellte, die neben weitreichenden Folgen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt ebenso gesellschaftliche Diskurse radikal veränderte, weil er Informationsbeschaffung und publizistische Aktivität demokratisierte. Der große Unterschied zu damals ist die enorme Geschwindigkeit, mit der sich die Digitalisierung ausbreitet. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari glaubt sogar, der Mensch erreiche durch neue Technologien wie Bioengineering, Cyborgs und anorganisches Leben bald die nächste Evolutionsstufe. Fälschlicherweise ist oft vom „Medienzeitalter“ die Rede, in dem wir uns aktuell befinden würden. Jedoch benutzt der Mensch schon seit der Steinzeit „Medien“, verstanden als alle Arten von Zeichen und Symbolen – als Reflexionswesen ist er davon abhängig, sich die Welt, in der er lebt, vorzustellen.

Was man heute als Science Fiction beginnt, wird man morgen vielleicht als Reportage zu Ende schreiben müssen. 

(Norman Mailer, Schriftsteller und Regisseur, 1923-2007)

Bei null fangen wir nicht an – allein in der kommunalen Jugend-, Familien-, Bildungs- und Sozialpolitik gibt es viele positive Ansätze. So arbeitet das Jugendamt der Stadt Nürnberg aktuell an einem Kita-Online-Portal, das es für Eltern und die Verwaltung leichter und transparenter machen wird, Kita-Plätze zu vergeben. Mit der „Integreat-App“ für Geflüchtete gehen wir erstmals neue Wege in der Ansprache unserer Zielgruppen. Das NürnbergStift stellt sich in einem Modellprojekt den Chancen und Grenzen der Digitalisierung in der Pflege und hat die elektronische Pflegedokumentation eingeführt. Das Seniorenamt ist seit vielen Jahren Vorreiter darin, ältere Menschen im Umgang mit neuen Medien zu schulen. Doch natürlich wird es nicht allein darum gehen, analoge Prozesse digital aufzusetzen – letztendlich bedeutet Digitalisierung auch, Prozesse und Strukturen ganz neu zu denken. Hier stehen wir noch am Anfang.

Der Arbeitsmarkt zwischen Selbstverwirklichung und Abstellgleis

 Der schwedische Ökonom Mårten Blix spricht in seinem Buch „Digitalization, Immigration and the Welfare State“ von einer Dreiecksbeziehung zwischen Digitalisierung, Zuwanderung und dem Sozialstaat. Letzterer gerate durch die beiden anderen Entwicklungen unter massiven Druck. Der Schlüssel zur Integration in die Aufnahmegesellschaft ist Arbeit, doch gerade Berufe für Geringqualifizierte, in denen sich viele Zugewanderte zunächst wiederfinden, sind laut Blix durch die Digitalisierung bedroht. Bleiben diese Menschen dauerhaft arbeitslos, entgehen dem Sozialstaat dringend benötigte Steuereinnahmen – eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Diese Problematik betrifft freilich auch viele Geringqualifizierte ohne Zuwanderungsgeschichte, die einfache Tätigkeiten im Industriesektor ausüben. Deutschland wandelt sich immer mehr zum Dienstleistungs- und Wissensstandort – einfache Tätigkeiten verschwinden jetzt schon. Nürnberg ist mit dem Niedergang der ehemals großen Industriebetriebe AEG und Grundig ein Beispiel von vielen. Andere Stimmen wiederum meinen, dass es auch in der Produktion weiterhin einfache Tätigkeiten geben wird, die lediglich anders ausgestaltet sein werden.

Erste Konfliktlinien zeichnen sich bereits ab: Wenn künftig bestimmte Jobs wegfallen, weil Algorithmen oder Roboter Tätigkeiten effizienter erledigen können, sehen einige die Lösung für die auftretende Arbeitslosigkeit in einem bedingungslosen Grundeinkommen. Es fußt auf der Idee, dass Arbeitslosigkeit im digitalen Wandel unvermeidbar ist und manche Arbeiten als solche überflüssig werden. Verknüpft sind damit häufig Vorstellungen von Arbeit als Zwang und unangenehmer Beschäftigung. Statt einer Vielzahl von Sozialleistungen und einer komplexen Bürokratie hätte nach dem Modell des bedingungslosen Grundeinkommens jede Bürgerin und jeder Bürger Anspruch auf einen bestimmten monatlichen Betrag, der ohne Bedingungen und Restriktionen und ohne Berücksichtigung des tatsächlichen Bedarfs ausgezahlt wird. Ob die Menschen dann zusätzlich arbeiten gehen, sich ehrenamtlich engagieren oder die freie Zeit anders nutzen, bleibt ihnen selbst überlassen.

Ein Modellversuch in Finnland mit 2.000 Arbeitslosen deutet darauf hin, dass Menschen die neue Möglichkeit nutzen, um mit kreativen Tätigkeiten, die auch der Selbstverwirklichung dienen, das Grundeinkommen aufzubessern. Sie erhalten 560 Euro im Monat, was in etwa der dortigen Arbeitslosenhilfe entspricht, allerdings werden nun keine Gegenleistungen mehr erwartet und wer das Grundeinkommen mit Arbeit aufbessert, muss den Lohn nicht mehr auf die Sozialleistung anrechnen lassen. Aber ist das ein wirklich schlauer Weg? Das monatliche Durchschnittseinkommen in Finnland lag laut Angaben der Weltbank 2016 bei rund 3.000 Euro. In Städten wie Helsinki sind Mieten und Lebenshaltungskosten hoch. Der Modellversuch bezieht sich zudem nur auf Arbeitslose und sagt nichts darüber aus, wie sich Menschen verhalten, die bei Einführung des Grundeinkommens bereits Arbeitseinkommen oder Vermögen haben.

Zudem: Arbeit ist mehr als bloßes Geldverdienen. Die psychosozialen Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit sind bestens erforscht – sie führen zu mangelndem Selbstwertgefühl, Antriebslosigkeit, Verlust sozialer Kontakte und Rückzug aus der Gesellschaft. Wie umgehen mit Menschen, die Arbeitslosigkeit gepaart mit Grundeinkommen nicht als Freiheit, sondern als Herabwürdigung verstehen? Und was ist mit jenen, die so gering qualifiziert sind, dass es für sie schlicht keine Jobs mehr gibt, mit denen sie die staatliche Leistung aufbessern können? Eine Gesellschaft, die diese Menschen ausgrenzt, kann keine humane oder inklusive Gesellschaft sein.

Darüber hinaus ist auch die Annahme, Digitalisierung würde Massenarbeitslosigkeit hervorrufen, höchst fraglich. Deutschland ist bereits heute ein stark roboterisiertes Land. Roboter haben das Gesamtvolumen an Arbeitsplätzen jedoch keineswegs reduziert; es entstehen auch neue Formen der Arbeit. Und gerade in Bereichen, in denen die zwischenmenschliche Komponente entscheidend ist – also im gesamten Bereich der Betreuung, Erziehung und Pflege – werden Maschinen und Algorithmen menschliche Fähigkeiten nicht ersetzen können. Denn Empathie, Kreativität, Managementkompetenzen, aber auch solche Skills wie Feinmotorik, können zumindest auf längere Sicht nicht von Robotern erlernt werden.

Anstatt sich also auf ein Vorhaben wie das bedingungslose Grundeinkommen zu stürzen – das im Übrigen noch von niemandem mit einer soliden, machbaren Finanzierung hinterlegt wurde – sollte man sich den Chancen und Herausforderungen widmen, die die Digitalisierung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer birgt. Denn zweifelsohne ergeben sich individuelle Gestaltungspotenziale, die beispielsweise die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhöhen, über flexible Arbeitsorte auch gesundheitlichen oder Belastungsgrenzen von Mitarbeitenden besser gerecht werden oder neue, spannende Fortbildungsformate ermöglichen. Neben einer reinen Flexibilisierung der Arbeitszeit lohnte es sich auch, über Arbeitszeitverkürzungen zu sprechen. Firmen- und Führungskulturen stehen vor einem drastischen Wandel, wenn durch die steigende Flexibilität Vertrauen statt Kontrolle zur Maxime des Führungsverständnisses wird und Mitarbeitende gleichzeitig ihre Selbstmanagement-Kompetenzen weiterentwickeln müssen. Gleichzeitig müssen auch Arbeitgebende eine Haltung entwickeln, die verhindert, dass Beschäftigte rund um die Uhr erreichbar sein sollen. Geht man zudem davon aus, dass durch die Digitalisierung Arbeitsplätze verloren gehen, so sind Politik und Unternehmen gefordert, rechtzeitig Anpassungsqualifizierungen für die Betroffenen aufzulegen.

Bereits heute wird die Lücke zwischen Produktivitätssteigerung und Einkommen immer größer – für den digitalen Wandel wird eine weitere Zunahme erwartet. Der Wirtschaftsjournalist Steven Hill fordert daher in seinem Buch „Die Start-Up-Illusion“, Mitarbeitende stärker an Unternehmensgewinnen zu beteiligen, wenn schon die Löhne stagnieren. Dies fördere die Bindung der Belegschaft an das Unternehmen sowie die Motivation.