Das Internet der Dinge – das Internet der Menschen. Gesellschaftspolitik im digitalen Wandel (Teil 2)

Fake News

Fake News, Filter Bubble und Datenschutz – neue Herausforderungen für die Bildung

Ebenso sind die Auswirkungen auf demokratische Prozesse bereits heute sichtbar. Wir sprechen von „Filterblasen“, wenn Nutzerinnen und Nutzern in sozialen Medien nur noch das angezeigt wird, was sie interessiert und sie sich mit gegenteiligen Meinungen gar nicht mehr auseinandersetzen können. Es wird vermutet, dass Hacker versuchten, die US-Wahlen 2016 zu beeinflussen. Und leider zeigt sich, dass viele Menschen gerade im Netz zu wenig unterscheiden können, was aus seriösen Quellen stammt und was nicht.

Hier entsteht eine neue Herausforderung für die Demokratiebildung. Demokratische Prozesse zu verstehen und erleben zu können, ist eine wesentliche Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe. Gerade für die Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen ist das Erfahren von Selbstwirksamkeit eine wichtige Ressource. Die Digitalisierung eröffnet neue Spielräume der Beteiligung mit mehr Transparenz und niedrigschwelligen Zugängen.

Wir können jedoch nicht davon ausgehen, dass die junge Generation – obwohl sie quasi „im Netz“ aufwächst – ganz automatisch mit den neuen Kommunikations- und Vernetzungsstrukturen umgehen kann, echte von „Fake News“ unterscheiden kann oder weiß, wie man die eigenen Daten wirksam schützt. Gerade das Thema IT-Sicherheit ist nicht in erster Linie ein technisches Problem, sondern ein menschliches. Die richtige Ausstattung alleine verhindert z.B. nicht, dass Menschen auf Mails hereinfallen, die scheinbar von Bekannten oder Unternehmen kommen, in Wahrheit aber einen Virus enthalten.

Die Gesellschaft wird immer komplexer und eine Vielzahl von Lebensentwürfen existiert nebeneinander. Die Geschwindigkeit, mit der sich Gewissheiten ändern, führt zu Unsicherheiten, die sich populistische Akteure zunutze machen. Eine Studie im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung ergab etwa, dass 40% aller Anhängerinnen und Anhänger der AfD häufig Nachrichten über Politik in sozialen Medien lesen. Der „Echoraum“ Internet erzeugt lawinenartig selbstbestätigende Narrative bestimmter Ideologien der jeweiligen Gruppe und lässt keine Hinterfragungen, Konfrontation mit anderen Positionen und damit auch keinen rationalen Diskurs mehr zu. Um das zu erkennen, kommt der Demokratiebildung hier die Schlüsselrolle zu, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dafür zu sensibilisieren, dass es gerade im Netz gegen die Demokratie gerichtete Diskurse gibt, mit denen kritisch und reflektiert umgegangen werden muss.

Demokratiebildung ist dabei keineswegs auf die Kinder- und Jugendarbeit beschränkt. Familie ist der erste Ort, an dem Kinder an den sie betreffenden Entscheidungen beteiligt werden sollten, in den Kitas und Schulen sowieso bis hin zu Ausbildungsorten und Hochschulen. Im Kontext von Medienbildung kommt der Eltern- und Familienbildung eine wichtige Rolle zu: Eltern sind in ihrem Mediennutzungsverhalten Vorbilder für ihre Kinder, reflektieren aber ihren eigenen Umgang mit Smartphone und Co. bisweilen zu wenig und sind selbst keine Expertinnen und Experten in Bezug auf Algorithmen, Metadaten und Datenschutz. Von großer Besorgnis bis völliger Unbedarftheit ist die Spanne elterlichen Verhaltens riesig: Verletzt es die Privatsphäre meines Kindes, wenn ich ohne dessen Zustimmung Bilder von ihm auf sozialen Medien veröffentliche? Wem gebe ich wie viel über mein Familienleben preis, wenn ich eine App nutze, die mir maßgeschneiderte Tipps für Erziehung und Beschäftigung mit dem Kind gibt, sie dies aber nur dadurch erreicht, dass sie Metadaten über mein Kind sammelt und mich dazu animiert, im Rahmen eines virtuellen Tagebuchs Fotos und Zeichnungen meines Kindes in die App zu laden?

Auch Fachkräfte der Sozialen Arbeit müssen sich bewusst werden, dass die Kommunikation mit der eigenen Klientel über soziale Medien problematisch ist. Kinder und Jugendliche erreicht man heutzutage nicht mehr über statische Webseiten. Facebook, Instagram, YouTube sind die Kanäle, über die junge Menschen kommunizieren und sich informieren. Jedoch hilft man mit, Metadaten über die Klientinnen und Klienten zu erzeugen, wenn man diese Kommunikationskanäle nutzt – und es ist nicht klar, wer diese Daten in welcher Form weiterverarbeitet bzw. was in Zukunft mit diesen Informationen möglich sein wird. Deshalb spiegelt die Einschätzung einiger, man habe ja nichts zu verbergen und was mache es schon, wenn Facebook musikalische Vorlieben oder bevorzugte Reiseziele kenne, eine gefährliche Sorglosigkeit wider. Gerade für benachteiligte Personengruppen besteht künftig die Gefahr, dass sich Metadatenanalysen negativ für sie auswirken. Das Stichwort hierzu ist „Predictive Policing“ („vorausschauende Polizeiarbeit“), das in den USA bereits im Einsatz ist: Die Polizei versucht dabei, über Metadatenanalysen Risikogruppen und -orte für künftige Verbrechen herauszufiltern. Indikatoren hierfür können Substanzmissbrauch oder familiäre Schwierigkeiten von Individuen sein.

Metadaten erleichtern die Überwachung und wir alle produzieren jeden Tag, zu jeder Stunde fleißig mit – sei es aus Unwissenheit oder aus Unbedarftheit. Selbst, wer sich komplett aus sozialen Medien heraushält, wer nicht online einkauft, kein Online-Banking macht, entgeht der Überwachungsindustrie nicht, weil es immer genug Freunde, Bekannte und Verwandte gibt, die ihr Leben bereitwillig im Netz teilen. Hierbei geht es also nicht allein um die Verantwortung für einen selbst, sondern auch um eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Das Sammeln von Metadaten ist deshalb demokratietheoretisch so bedenklich, weil es hilft, Menschen zu sortieren und zu klassifizieren und sie in unterschiedliche Gruppen einzuteilen, die sich anschließend optimal „verwalten“ lassen.

Verknüpft mit der Frage der Nutzung von Metadaten ist auch das so genannte „Nudging“ (von engl. „to nudge“ = „anstoßen/anstupsen“). Damit gemeint ist die sanfte Beeinflussung menschlichen Verhaltens. Es basiert auf der Tendenz des Menschen, sich „normgerecht“ verhalten zu wollen. Veröffentlicht man, wie viele der Nachbarinnen bzw. Nachbarn bereits ihre Steuerschuld beglichen haben oder wie viel Strom sie verbrauchen, animiert dies dazu, ebenfalls die Steuererklärung bald einzureichen bzw. Energie zu sparen. Die Forscher Florian Irgmaier und Lena Ulbricht vom Wissenschaftszentrum Berlin erklären das Phänomen am Beispiel intelligenter Stromzähler: Der Einbau dieser Geräte wird für viele Haushalte in Deutschland ab dem Jahr 2020 verpflichtend. Sie können über die Ermittlung des exakten Stromverbrauchs einzelner Geräte nicht nur Rückschlüsse auf den Lebensstil der Haushaltsmitglieder ziehen, sondern auch den eigenen Stromverbrauch mit dem anderer vergleichen. Was einerseits kundenfreundlich sein mag, schränkt andererseits auf subtile Weise die Freiheit des oder der Einzelnen ein.

 

Die Rolle demokratischer Aushandlungsprozesse

Das Internet und insbesondere soziale Medien geben Menschen eine Plattform, die keine andere Möglichkeit der Öffentlichkeit oder Veröffentlichung haben. Diese Demokratisierung gesellschaftlicher Diskurse führt gleichzeitig dazu, dass etablierte Medien ihre „Gatekeeper“-Funktion ein Stück weit einbüßen. Zu jeder Weltanschauung und auch zu jeder Verschwörungstheorie finden sich Bestätigungen im Netz. Der Ton wird rauer, Menschen scheuen sich nicht, auch unter Klarnamen andere zu beleidigen, zu verunglimpfen und zu bedrohen. Der Autor Sascha Lobo fragte in einer SPIEGEL-Kolumne angesichts zunehmender Entgleisungen im Netz: „Wie kann man ernsthaft von „Merkel-Diktatur“ sprechen, weil einem zwei Regierungsentscheidungen nicht passen?“ Angesprochen ist damit auch eine Unzufriedenheit mit demokratischen Aushandlungsprozessen, die allerdings nicht allein den Bürgerinnen und Bürgern angelastet werden kann. Vielmehr gilt es, demokratisch legitimierte Interessensdurchsetzung immer wieder kritisch zu reflektieren und zu beobachten, ob Exklusionsprozesse dazu führen, dass die Belange bestimmter Gruppierungen nicht zum Tragen kommen. Zur Wahrheit gehört auch, dass aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland die Interessen junger Menschen aufgrund des bestehenden Wahlrechts unterrepräsentiert sind. Wir sollten unsere jungen Leute ernst nehmen und uns darauf einigen, das Wahlalter auf 16 Jahre abzusenken.

Die Digitalisierung wird nur dann eine positive gesellschaftliche Entwicklung nach sich ziehen, wenn nicht Unternehmen, sondern die Politik die Spielregeln festlegt. Momentan entwickeln Unternehmen aus dem Silicon Valley Produkte, die unser Zusammenleben auf drastische Weise ändern – eine Abstimmung über diese Produkte findet nicht statt. Zu spät oder bislang gar nicht reagieren Kommunen auf Plattformen wie AirBnB, die die Wohnungsmärkte touristisch attraktiver Großstädte weiter verengen, oder auf Uber, das etablierte Taxiunternehmen mit teils ruinöser Konkurrenz bedroht. Wir befinden uns in einer neuen Phase des „Raubtierkapitalismus, der die Gesellschaft bedrohe“, wie es Altbundeskanzler Helmut Schmidt 2003 angesichts fragwürdigen moralischen Verhaltes von Großkonzernen formulierte. Der demokratische Souverän müsste über solch lebensverändernde Entwicklungen befinden dürfen. Und am Anfang muss immer die Frage des „Warums“ stehen: Wem nutzt es? Verbessert es das Leben der Menschen? Was sind mögliche Folgen, Risiken und Nebenwirkungen und wie verändert es das Zusammenleben der Menschen und die Gesellschaft? Mit der Frage von Haltung und Werten wird sich bislang viel zu wenig auseinandergesetzt. Letztlich geht es auch weniger um die Medien- oder Digitalkompetenz des Einzelnen, sondern vielmehr um die Frage, wie unser demokratisches System in der digitalisierten Welt funktioniert.

Eine beachtenswerte Initiative in diese Richtung ist die „Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union“ (https://digitalcharta.eu/). Medienschaffende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Aktive auf verschiedenen politischen Ebenen erarbeiteten einen Vorschlag für eine Digital-Charta für die EU. Der Entwurf wurde auf mehreren Veranstaltungen vorgestellt und dem Europäischen Parlament zur weiteren Diskussion übergeben. Auch online kann man sich weiter beteiligen, durch Diskussionsbeiträge oder die Mitzeichnung. Kritik äußern die Initiierenden an den „unverbindlichen Debatten um Grundrechte im digitalen Zeitalter“. Festgestellt wird, dass sich durch „neue Formen der Automatisierung, künstliche Intelligenz, Vorhersage und Steuerung menschlichen Verhaltens (Nudging), Massenüberwachung, Robotik und Mensch-Maschine-Vernetzung sowie Machtkonzentration bei privaten Unternehmen“ neue Herausforderungen für das gesellschaftliche Zusammenleben und das Verhältnis zwischen Menschen und sowohl staatlichen als auch privaten Akteuren ergeben würden. In der Charta der digitalen Grundrechte sind zusammengefasst folgende Felder angesprochen:

  • Die Freiheit der Information, Kommunikation und Meinungsäußerung, welche ihre Grenzen in der Würde und Unversehrtheit des Menschen findet.
  • Die gleichberechtigte Teilhabe in der digitalen Sphäre und die Nicht-Beschränkung der Teilhabe beim Zugang zu Gütern, Dienstleistungen oder dem gesellschaftlichen Leben durch automatisierte Verfahren. Förderung der Teilhabe von Kindern, Heranwachsenden und schutzbedürftigen Gruppen. Keine Bindung von Wahlen an den Zugang zu digitalen Medien.
  • Enge rechtsstaatliche Grenzen bei der Nutzung und Verarbeitung von Daten. Einhaltung des Datenschutzes. Transparenz und Anonymisierung bei der Nutzung von Big Data. Unversehrtheit, Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme. Recht auf digitalen Neuanfang/“Vergessenwerden“.
  • Keine Entscheidungen auf Basis von Algorithmen bei ethisch-normativen Fragen.
  • Kontrolle und Krisenvorsorge bei Infrastrukturen, die auf künstlicher Intelligenz beruhen.
  • Schutz vor Identitätsdiebstahl und -fälschung.
  • Bildung, die ein selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt ermöglicht.
  • Arbeit als wichtige Grundlage des Lebensunterhalts und der Selbstverwirklichung. Gestaltung des Strukturwandels nach sozialen Grundsätzen.

Initiativen wie die Digital-Charta sind deshalb so ermutigend, weil sie aufzeigen, wie der digitale Wandel für Mensch und Gesellschaft positiv genutzt werden könnte. Denn zweifelsohne birgt die Digitalisierung riesige Potenziale für Kommunikation, Zusammenleben, Gesundheit, Umwelt, Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Sie verspricht eine Effizienzsteigerung, die Entlastung von routinemäßigen und gesundheitsgefährdenden Tätigkeiten, das engere Zusammenwachsen der Weltgemeinschaft und birgt zahlreiche Verheißungen in der Zukunft, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Was viele Menschen momentan verhalten bis skeptisch reagieren lässt, ist die fehlende Regulierung und politische Steuerung des Wandels. Es setzt ein Ohnmachtsgefühl und ein Fatalismus ein, dem Staat und Konzernen hilflos ausgeliefert zu sein und sowieso nicht zu wissen, was mit den eigenen Daten geschieht und sie nicht wirksam schützen zu können.

Der digitale Wandel kommt nicht – er ist schon da. Wir müssen ihn gestalten und ihn für uns nutzbar machen. Nicht der Mensch sollte sich der Digitalisierung unterwerfen – die Digitalisierung muss der gesellschaftlichen Weiterentwicklung dienen.