Coburg digital: Vom Projekt zum Konzept

Darstellung: Future

Mit dem „Coburger Weg“ verfolgt das oberfränkische Coburg als eine der Pionierstädte der kommunalen Digitalisierung seit nahezu zwei Jahrzehnten eine bürger- und praxisnahe Strategie bei der Umsetzung ihrer Digitalprojekte. Die frühzeitige Beteiligung von relevanten Akteuren aus der Zivilgesellschaft, der Bürger/-innen als „Alltagsexperten“, sieht die Stadt als Schlüssel zu nachhaltigen Digitalisierungserfolgen. Vor dem Hintergrund einer sich beschleunigenden Entwicklung mit immer kürzeren Innovationszyklen denkt die Stadt derzeit über die Implementierung einer Agilen Digitalen Agenda nach, die unter diesen Bedingungen eine flexible Gestaltung des digitalen Wandels im Dialog mit den Bürger/-innen ermöglichen soll.

Als eine der Pionierstädte der kommunalen Digitalisierung blickt das oberfränkische Coburg 2019 auf nahezu zwei Jahrzehnte Praxiserfahrung in der bürgernahen Umsetzung von Digitalprojekten zurück. Seit dem Jahr 2001 kümmert sich – auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Norbert Kastner – eine strategische Stelle im Rathaus darum, Chancen und Potenziale digitaler Technologien nicht nur für die städtische Verwaltung sondern darüber hinaus für die Stadt(-gesellschaft) nutzbar zu machen. 2007 verabschiedete die Stadt im Rahmen der Bewerbung zur „T-City“ zusammen mit zahlreichen Kooperationspartnern aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens die WIR@COBURG-Charta mit dem Leitziel, die Digitalisierung gemeinsam zum Wohle aller Bürgerinnen und Bürger voranzutreiben.

Quelle: Stadt Coburg

Im Vordergrund steht dabei – nach wie vor – die digitale Teilhabe. Die Bürgerinnen und Bürger sollen von den Vorteilen der Digitalisierung nicht nur profitieren, sondern sich an der Umsetzung der Projekte auch beteiligen können. Die Frage „Wie digitalisiert man eine ganze Stadt?“, die sich aktuell im Kontext von Smart-City-Projekten und Digitalen Agenden wieder vermehrt stellt, wurde schon damals dahingehend beantwortet, dass diese nur „mit dem Bürger“ gelingen kann.

Der Coburger Weg – Bürger- und praxisnahe Digitalprojekte

Akzeptanz lebt von Beteiligung: Ein positives „Digitalisierungsklima“ in der Stadt kann nur durch die frühzeitige Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger als spätere Nutzer/-innen erreicht werden.

Nicht zuletzt das Smartphone hat uns in den vergangenen Jahren gelehrt, dass der Erfolg digitaler „Begleiter“ entscheidend davon abhängt, dass sich diese möglichst nahtlos in unseren Alltag zu integrieren. Die gesellschaftliche Aneignung und Einbettung neuer Technologien ist ein entscheidender Faktor für deren Erfolg. Der „Coburger Weg“ einer frühzeitigen Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger in die Projektentwicklung dient daher der Schaffung von Akzeptanz für die jeweilige Maßnahme und nimmt die Bürger in ihren verschiedenen zivilgesellschaftlichen Rollen – als soziale und ehrenamtlich engagierte Mitglieder der Stadtgesellschaft, als Eltern oder Pflegende, Kund/-innen der Verwaltung… – auch als „Expert/-innen des Alltags“ ernst. Ihre Einbindung soll nicht nur gewährleisten, dass wichtige Stakeholder/-innen das Projekt unterstützen, sondern gleichzeitig sicherstellen, dass Anforderungen und Vorbehalte der späteren Nutzer/-innen gehört werden und entsprechend in die Projektentwicklung einfließen. So soll vermieden werden, dass Lösungen – wie so oft – am Nutzer vorbei entwickelt werden.

In der Aktivierung dieser zivilgesellschaftlichen Netzwerke liegt ein ungeheures Potenzial: Ohne das Engagement von Bürger/-innen, die in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, in ihrer Freizeit ehrenamtlich Verantwortung und Koordinierungsaufgaben übernehmen, ist und wären viele kommunale (Pflicht-)Aufgaben nicht zu bewältigen. Diese Personen gilt es als wichtige Multiplikator/-innen als erstes zu überzeugen und für eine Mitgestaltung des digitalen Wandels zu begeistern.

Die Coburger Börsen

In der gemeinsam mit lokalen Kultur- und Bildungseinrichtungen entwickelten Börse KS:COB (www.ks-cob.de) finden Lehrer/-innen, Erzieher/-innen und pädagogische Fachkräfte mehr als 250 Angebote, um den Unterricht anschaulich „außerhalb des Klassenzimmers“ zu gestalten. Von der Luther-Führung auf der Veste Coburg bis zum Besuch der innerdeutschen Grenze sammelt die Börse Möglichkeiten zur Verknüpfung von Schulunterricht und regionalen Kulturangeboten

Ein Beispiel für eine niedrigschwellige Umsetzung mit lokalen Akteuren sind die Coburger Börsen (https://www.coburg.de/boersen). Egal ob es um Sport im Verein, Betreuung in den Ferien, um Beratung für junge Eltern und Familien, Unterstützung für (chronisch) Kranke oder um die Suche nach einem KiTa- oder Pflegeplatz geht – das Konzept, Internetangebote zusammen mit lokal engagierten Bürgern, Initiativen und Einrichtungen gemeinsam zu entwickeln und in vielen Fällen auch weiter auszubauen, wurde in den vergangenen Jahren mehrfach adaptiert und als „Blaupause“ erfolgreich auf verschiedene Bereiche des öffentlichen Lebens übertragen.

Die „optimal vernetzte Stadt“

Die Vernetzung der verschiedenen Handlungsfelder der Digitalisierung kann auf technologischer Ebene nur gelingen, wenn zuvor bereits auf zivilgesellschaftlicher Ebene eine Vernetzung erfolgt ist

Der „Coburger Weg“ hat sich in mehr als 15 Jahren zu einer Leitlinie der bürger- und praxisnahen Umsetzung von Digitalprojekten entwickelt. Die frühzeitige Einbeziehung der Stadtgesellschaft hat sich bewährt und dazu beigetragen, ein positives Digitalisierungsklima in Coburg zu schaffen. Die unmittelbare Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger erlaubt es, noch in der Phase der Entwicklung auf deren Bedürfnisse einzugehen, Vorbehalte und etwaige Widerstände wahrzunehmen und zu adressieren. Dies ist – für alle Beteiligte – ohne Frage ein zeitintensiver Prozess, der – so die Erfahrung aus Coburg – jedoch der Schlüssel zu nachhaltigen Digitalisierungserfolgen sein kann. Aus Bürgern, die innerhalb eines solchen Projektes mitarbeiten und Verantwortung übernehmen, werden im Nachgang überzeugte Digitalisierungsbotschafter/-innen.

Digitale Einkaufsstadt

„Digitale Einkaufsstadt Bayern“ – Coburg – Bayern

Ein weiteres Beispiel für die Bedeutung lokaler Akzeptanz und die Einbeziehung relevanter Akteure ist die in Coburg im Rahmen der 2-jährigen Teilnahme am Modellprojekt „Digitale Einkaufsstadt Bayern“ ausgearbeitete Strategie. Im Oktober 2015 war Coburg zusammen mit Günzburg und Pfaffenhofen a.d. Ilm vom Bayerischen Wirtschaftsministerium als eine von drei Modellkommunen ausgewählt worden, in denen Konzepte zur Verknüpfung von stationärem und Online-Handel erprobt werden sollten. Ausgehend von Fragen wie „Wie steht es um den Digitalisierungsstand, die ‚Digital Awareness‘ unserer lokalen Händler?“ und „Welche Beteiligung ist gerade zu Beginn des Projektes vonseiten des Einzelhandels zu erwarten und für welche Ausbaustufen bedarf es weiterer Sensibilisierung?“ begann die Stadt zunächst weniger technikgetrieben, sondern im Dialog mit den Akteuren vor Ort, an Strategien und Lösungen zu arbeiten. Dies führte zu der Erkenntnis, die sich später auch so im Abschlussbericht des Projektes wiederfindet, dass „nicht die technologische Umsetzung, sondern das Wissen, der Wille zur Beteiligung sowie die […] Fertigkeiten der Unternehmer […] Engpässe bei der Gestaltung des digitalen Wandels“ (auch) in unseren Innenstädten sind. Zur Unterstützung des lokalen Einzelhandels fehlt es also nicht in erster Linie an technologischen Lösungsansätzen, vielmehr zunächst an den Voraussetzungen diese nachhaltig erfolgreich umzusetzen.

 „Digitales Schaufenster“ und Fokus auf Weiterqualifizierungs- und Schulungsmaßnahmen

Neue Kunden erreichen über Facebook, WhatsApp, Instagram und Twitter. Das Digitale Schaufenster „IchKaufInCoburg“ (www.ichkaufincoburg.de) hilft Händlern mittels „digitalem Storytelling“ und redaktionell aufbereiteten Beiträgen ihre Kund/-innen genau dort abzuholen, wo diese sich vielfach online ohnehin schon aufhalten.

In Folge konzentrierte sich Coburg zunächst darauf, begleitende Informations-, Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote zu kreieren. Statt mit einem voll ausgebauten Online-Marktplatz mit übergreifendem Warenkorb ging Coburg zunächst mit einem Digitalen Schaufenster („GoCoburg“, heute: „IchKaufInCoburg“) an den Start. Hier unterstützt ein lokaler Kümmerer die teilnehmenden Händler effektiv auf dem Weg zu mehr digitaler Sichtbarkeit sowie bei der Bewerbung ihrer Geschäfte und Produkte. Mittels „digitalem Storytelling“ sollen Kund/-innen zunächst niedrigschwellig zu einem Besuch im Ladengeschäft animiert werden.

Händler, die aktiv die Angebote der Kundenkommunikation über die neuen Medien […] nutzen, ziehen nachweislich Kunden in ihre Läden.

Den Abschlussbericht zum Modellprojekt Digitale Einkaufsstadt finden Sie hier.

Gerade beim Aufbau einer digitalen Präsenz brauchen gerade inhabergeführte, Einzelhändler nach wie vor Unterstützung. Das für den Aufbau eines ansprechenden Online-Auftrittes notwendige „Know-How“ sollte dabei nicht unterschätzt und vor allem nicht als gegeben angesehen werden. Dabei müssen die Händler die hierfür notwendigen Fertigkeiten nicht zwangsläufig alle selbst mitbringen, jedoch in die Lage versetzt werden, die Auswirkungen der Digitalisierung auf ihr Geschäftsmodell zu erkennen und geeignete Schritte einzuleiten. Die Stadt kann hier die Eigeninitiative des Unternehmers nicht ersetzen: Händler gegen ihren Willen und im Zweifel ohne das nötige Know-How in den E-Commerce zu zwingen, wäre ebenso kontraproduktiv wie verantwortungslos.

Digitales Gründerzentrum: Zukunft.Coburg.Digital

Mit einer Vielzahl von Veranstaltungsformaten – von Workshops über Hackathons bis zu „Gründer:Salon“, „Pitch & Beer“ und dem „FuckUp Club“ – unterstützt die Initiative Zukunft.Coburg.Digital junge Existenzgründer und lokale Unternehmen. Zusammen mit dem Wissenstransferzentrum CREAPOLIS der Hochschule Coburg eröffnete im September 2018 ein Co-Working- und Makerspace auf einer zentralen Entwicklungsfläche im Coburger Süden.

Der Digitale Wandel stellt jedoch keinesfalls lediglich den Einzelhandel, sondern letztendlich die gesamte Wirtschaft vor neue Herausforderungen: Wie werden sich die Arbeitsabläufe und Geschäftsmodelle, vielleicht sogar gesamte Unternehmenskulturen im Zuge der Digitalisierung verändern müssen? Die Antwort wird für jedes Unternehmen individuell unterschiedlich ausfallen. Dennoch kann sich auch hier eine lokale Vernetzung und ein Erfahrungsaustausch in der Region lohnen. Der Wettbewerb um Standortattraktivität sowie Fach- und Führungskräfte erfordert in Zukunft ein konzertiertes Handeln der lokalen Wirtschaft. Mit dem Ziel, die Vernetzung zwischen Stadt und Region, Wissenschaft und Wirtschaft, Traditionsunternehmen und jungen Existenzgründer/-innen weiter voranzutreiben, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen und den Standort zukunftssicher auszurichten haben Stadt und Landkreis Coburg 2017 die Initiative „Zukunft.Coburg.Digital“ ins Leben gerufen. Unterstützt wird die Initiative von der IHK zu Coburg sowie einem Netzwerk aus ca. 50 lokalen Unternehmen. Das Projekt wird vom Freistaat Bayern im Rahmen des Masterplans „Bayern Digital I“ gefördert.

Digitale Agenda Coburg

Die rasante Entwicklung des Digitalen Wandels mit immer kürzeren Innovationszyklen erfordert einen Schwenk von klassischen, langfristig planenden Projektmanagementstrukturen hin zu agilen Methoden

Die Digitalisierung schreitet in großen Schritten voran. Insbesondere für viele kleine und mittlere Kommunen übersteigen die verschiedenen „Digitalisierungsbedarfe“ – auch als Folge der Forcierung ambitionierter, auf Bundes- und Landesebene verfolgter Digitalisierungsprogramme mit immer kürzer angesetzten Umsetzungszeiträumen – längst die zur Verfügung stehenden personellen und finanziellen Ressourcen. Wer mitgestalten möchte, kommt nicht umhin, Schwerpunkte zu setzen, um die vorhandenen Ressourcen möglichst effizient einzusetzen, z.B. in Handlungsfeldern mit besonderem Aufholbedarf, aber auch in Bereichen, die mit Blick auf den Standort die Realisierung überdurchschnittlich hoher Potenziale erhoffen lassen.

Eine solche, koordinierte und strategische Herangehensweise bei der Entwicklung einer lokalen Digitalstrategie kann – und das zeigt die Erfahrung aus knapp 20 Jahren „Coburger Weg“ – in der heutigen Zeit jedoch nicht mehr mit den Mitteln von damals erfolgen. Gerade im direkten Vergleich mit frühen IT-Strategien und E-Government-Masterplänen, die oft noch langfristig ausgelegte, plattformorientierte Großprojekte mit starren Roadmaps und Umsetzungszeiträumen enthielten, wird deutlich, dass heute andere Instrumente gefragt sind, die sich eher an agilen Methoden wie etwa „Design Thinking“ oder „Scrum“-Ansätzen orientieren.

Digitalstrategien können nicht mehr als Großprojekt am „Reißbrett“ entstehen. Im Kern der Definition sprengt die Gestaltung des Digitalen Wandels den Rahmen eines Projektes und klassischer Projektstrukturen. Sie brauchen einen flexibleren Rahmen, der es erlaubt Projekte im Dialog mit der Stadt zu entwickeln. Ergebnisse aus vorangegangenen und laufenden Projekten werden rückgekoppelt und beeinflussen den weiteren Entwicklungspfad der Strategie. Wenn es das Ziel ist, bestehende Projekte zukünftig noch stärker zu bündeln und ressortübergreifend zu vernetzen, müssen die übergreifenden Strukturen es ermöglichen, dass Projekte nicht nur voneinander lernen sondern sich gegenseitig auch beeinflussen können.

Eine Agile Digitale Agenda setzt für Einzelprojekte einen programmatischen Handlungsrahmen. Dieser bezieht sich auf grundlegende Werte und Prinzipien, wie sie in der WIR@COBURG-Charta oder der von der Dialogplattform „Smart Cities“ erarbeiteten Smart-City-Charta definiert wurden. Die Fortschreibung des Agenda-Prozesses erfolgt dabei durch die Teilnehmer/-innen in der Form eines begleitenden, iterativen, lernenden Prozesses. Spielräume sind dabei ausdrücklich erwünscht. Gerade vor dem Hintergrund der Schnelllebigkeit heutiger technologischer Entwicklungen, wo nicht immer klar unterschieden werden kann zwischen langfristigem „Trend“ und kurzfristigem „Hype“, muss im Rahmen von Projekten mit kürzeren Iterationsschleifen auch die Möglichkeit bestehen, zu experimentieren und auch zu scheitern.

Mit dem Ziel bestehende Initiativen und Projekte unter einem gemeinsamen Dach zu bündeln, die Zusammenarbeit zwischen der Stadt und den städtischen Gesellschaften im Bereich der Digitalisierung zu intensivieren und den Dialog mit ihren Bürger/-innen und Bürgern über die Chancen und Potenziale der Digitalisierung in den einzelnen Handlungsfeldern weiter zu verfolgen, hat die Stadt Coburg Ende 2017 – begleitet durch das Berliner Institut für Innovation und Technik (iit) im Rahmen der Initiative „Transform Local“ des DStGB – den Prozess der Ausarbeitung einer agilen „Digitalen Agenda Coburg“ begonnen. Nach einer ersten Bestandsaufnahme mit begleitender Bürgerbeteiligung arbeitet die Stadt aktuell an der Schaffung der notwendigen Rahmenbedingungen zur programmatischen Fortsetzung des Agendaprozesses.

Weiterführende Links:
www.coburg.de
www.coburg.de/boersen
www.coburg.de/einkaufsstadt
www.ichkaufincoburg.de
www.zukunftcoburgdigital.de

AnsprechpartnerIn:

Karin Engelhardt, Leiterin der Stabsstelle E-Government und Verwaltungsmodernisierung der Stadt Coburg