Digitale Modelldörfer in Südbayern

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Digitalisierung hält nicht nur im städtischen Umfeld Einzug. Welches Potential Digitalisierung gerade im ländlichen Raum birgt, versucht das Projekt „Digitales Dorf“ abzubilden. Das Modellprojekt ist gefördert von der Bayerischen Staatsregierung und umfasst mittlerweile die vier in der folgenden Tabelle ausgeführten digitale Dörfer sowie die Gesundheitsregion Oberes Rodachtal im Landkreis Kronach. Dem heterogenen ländlichen Raum soll durch die unterschiedlich ausgeprägten Dörfer bzw. kommunalen Verbünde Rechnung getragen werden. Der Technologie Campus Grafenau zeichnet für die Umsetzung in den drei südbayerischen Dörfern (Niederbayern, Oberbayern, Schwaben) verantwortlich.

Abbildung 1: Überblick digitale Dörfer

 

Südbayerisches Dorf Spiegelau-Frauenau

Im südbayerischen Dorf Spiegelau-Frauenau im Herzen des Bayerischen Waldes sind bereits zahlreiche digitale Umsetzungen sichtbar. Fokus liegt stets auf einer bürgernahmen Umsetzung in möglichst vielen Themenfeldern wie Medizin, Kommune, Mobilität und Bildung.

Herzstück der zahlreichen Digitalisierungsansätze ist das Portal „Dahoam 4.0“, über das Apps downloadbar und Dienste nutzbar sind. Die Plattform ist modular aufgebaut, so dass sie an die Bedürfnisse der verschiedenen digitalen Dörfer angepasst werden kann und über einen individualisierten Einstige zudem Heimatgefühl vermitteln soll.  Für die breite Öffentlichkeit ist derzeit eine „Dahoam4.0“ Informationsplattform (www. dahoamviernull.de) freigeschaltet, die über die Umsetzungen in den verschiedenen südbayerischen digitalen Dörfer informiert. Hier sind u.a. auch Befragungsergebnisse sowie Informationsmaterialien abrufbar. Die individuellen Dorfseiten sind momentan nur für registrierte Benutzer freigeschaltet. Weitere Information über alle Modelldörfer sind unter www.digitales-dorf.bayern zugänglich.

Kommunale Dienste/ Dahoam 4.0® Rathaus App

Fünf interaktive Anschlagtafeln informieren seit Dezember 2018 die Frauenauer Bürger über öffentliche und amtliche Bekanntmachungen, Neuigkeiten oder Veranstaltungshinweise aus der Gemeinde. Damit gilt Frauenau als Vorreiter bei der Verwendung wind- und wetterfester Touchterminals. Per Mouseclick können neue Gemeindenachrichten oder Vereinsinformationen auf die Touchterminals gebracht werden, anstatt diese ausdrucken und aufhängen zu müssen. Durch den eingesparten Aufwand – Arbeitszeitersparnis wie entfallende Kosten für Säuberung der Anschlagstafeln oder Ersatz der Holzwände – amortisieren sich die neuen digitalen Tafeln schnell.

Seit Februar dieses Jahres steht den Bürgern und Gemeindemitarbeitern in Frauenau die Dahoam 4.0® Rathaus App zur Verfügung, um Gemeindeinformationen und Termine digital abzurufen sowie Formulare und Anträge online einzusehen. Herzstück ist die Funktion „Wichtiges Melden“, mit der Bürger Meldungen über Schäden und Auffälligkeiten im Gemeindegebiet samt Koordinaten und Fotos an die Gemeinde senden können. Zum Beispiel, wenn ein umgefallener Baum eine Straße blockiert oder eine Straßenlaterne defekt ist. Dahinter verbirgt sich ein automatisierter Workflow, über den die Schadensmeldungen an die zuständigen Bauhofmitarbeiter weitergeleitet, bearbeitet, die erfolgreiche Abarbeitung bestätigt und eine Erfolgsmeldung an den Melder geschickt werden kann. Binnen eines Monats konnten in der Startphase bereits 30 Meldungen verzeichnet werden – ein gutes Indiz für aktiven Austausch zwischen Bürgern und Kommune!

Abbildung: Die Dahoam 4.0® Rathaus App für Frauenau (Copyright: Technologie Campus Grafenau)

 

Die Dahoam 4.0® Schul App

Den Grundschulen in Frauenau und Spiegelau steht der Technologie Campus Grafenau beratend hinsichtlich Transformation vom analogen zum digitalen Klassenzimmer zur Seite. Bei der Beantragung von Fördermitteln zur Breitbandanbindung, WLAN-Installation und Ausstattung mit digitalen Medien arbeiteten Kommune, Landratsamt, Technologiecampus und Schulen Hand in Hand.

Ferner entwickelt das Projektteam die Dahoam 4.0® Schul App. Bewusst entschied man sich für eine Eigenentwicklung, da die Schule bislang nicht über ein Schulportal verfügte und die existierenden Portale zumeist zu mächtig und begrenzt anpassbar wirkten. Die entwickelte App enthält eine überschaubare sowie nutzenstiftende Palette an Funktionen. Zum Beispiel können Lehrkräfte über die App Elternbriefe, Schulinformationen und Kontaktdaten für die Eltern hinterlegen. Im Verlauf des Jahres 2019 wird für registrierte Nutzer aus den Grundschulfamilien die Schul App auf Tablet, Smartphone oder PC installierbar sein. Ferner werden die Funktionen auch über das im Browser zu öffnende Dahoam 4.0®-Gemeindeportal in Frauenau und Spiegelau abrufbar sein.

 

Mobilität – Lückenschluss zum ÖPNV

Das südbayerischen Dorf Spiegelau-Frauenau umfasst zwei Kommunen aus zwei verschiedenen Landkreisen, die jeweils eigene Mobilitätskonzepte verfolgen. Im digitalen Dorf wurde daher zunächst die Kommune Spiegelau im Bereich Mobilität in den Fokus genommen. Spiegelau besteht aus 33 geographisch verteilten Ortsteilen, die teils nicht an den ÖPNV angebunden sind. Zwei Rufbuslinien wurden ins Leben gerufen, um den Lückenschluss zum ÖPNV zu gewährleisten. In der Startphase wurde auf Wunsch der Bürger neben einer digitalen Buchungsmöglichkeit eine Vorbestellung über eine Telefonhotline angeboten, die gut genutzt wird. Bislang wurde jede der angebotenen Fahrten gebucht, was als voller Erfolg gewertet werden kann. Weitere digitale Optimierungen sind in Arbeit.

„MeDiLand“, ein weiteres Teilprojekt des Digitalen Dorfs, dient der Verbesserung der medizinischen Versorgung auf dem Land. Ziel ist die Bildung eines intersektoralen Telemedizin-Netzwerks in Spiegelau und Frauenau. Dieses besteht aus je einer Hausarztpraxis in Spiegelau (4100 Einwohner) und in Frauenau (2700 Einwohner), einem  Pflegeheim, einem ambulanten Intensivpflegedienst sowie zwei umliegenden Kliniken und der Bergschutzhütte Waldschmidthaus am Großen Rachel. Bei allen Akteuren werden Telemedizinplätze eingerichtet, um eine gesicherte Kommunikation, Video-, Bild- und Datenübertragung in Echtzeit zu ermöglichen. So können beispielsweise die sogenannten VERAHs, speziell geschulte Fachkräfte der Hausarztpraxen, Hausbesuche übernehmen und bei Bedarf z.B. Wundfotos von Patienten sicher übertragen, die der Arzt begutachtet, um weitere Anweisungen geben zu können. Die wertvolle Kapazität der Hausärzte kann so sinnvoll genutzt werden und wird nicht durch Fahrtzeiten zu den Patienten in der weitläufigen Region weiter reduziert. Patienten erhalten so aber auch zuhause beste Versorgung. Auch Vitaldaten wie Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung können in Echtzeit übertragen und dokumentiert werden. Über die implementierte Technologie können auch weit entfernte Spezialisten bei Bedarf hinzugeschaltet werden. Parallel dazu werden die Möglichkeiten einer digitalen Patientenakte im Feldversuch erprobt.

 

Weitere digitale Meilensteine in Frauenau und Spiegelau

Seit der Anbindung der Gemeindebücherei Spiegelau an die E-Book Ausleihe LEO SUED (LEsenOnline SUEDbayern) können die Nutzer aus über 50.000 digitalen Medien auswählen und diese über Smartphone oder Tablet abrufen. Der Technologie Campus Grafenau hat die konzeptionelle Vorarbeit zur Realisierung der Online-Bibliothek übernommen und die Gemeindebücherei Spiegelau in der Umsetzung beraten.

Am Pfingstsonntag 2018 startete das Team -Smart Region die erste Live-Übertragung eines Gottesdienstes aus der Pfarrkirche Spiegelau in das Seniorenheim Rosenium, weitere sollen folgen. Den eigenen Pfarrer und die vertraute Kirche wieder erleben zu können war besonders für die Bewohner mit eingeschränkter Mobilität ein Highlight.

In Zusammenarbeit mit dem Technologie Campus Grafenau installierte die Gemeinde Spiegelau im Wander- und Loipenzentrum Klingenbrunn eine Licht-Lade-Säule mit Lademodul für Elektroautos sowie einer intelligenten Lichtsteuerung. Installierte Sensoren sollen zudem zukünftig erfassen können, wie stark das Loipenzentrum wann frequentiert ist. In Spiegelau ist ein digitales Leitungskataster in Arbeit.

 

Dahoam arbeiten – Coworking im ländlichen Raum

Kann sich ein Coworking Space erfolgreich auch im ländlichen Umfeld etablieren? Wie kann dem hohen Pendleraufkommen in die angrenzenden Verdichtungsräume begegnet und der Abwanderung insbesondere junger und hochqualifizierter Arbeitskräfte aus der Modellregion in die Städte entgegengewirkt werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Technologie Campus Grafenau im Themenfeld „digitale Arbeitswelten“. Ziel ist die Realisierung eines an die lokalen Gegebenheiten angepassten Geschäftsmodells eines Coworking Space. Das Angebot richtet sich vor allem an Erwerbstätige, die weite Pendelstrecken auf sich nehmen, um an ihren Arbeitsort zu gelangen. Für Unternehmen bietet es den Vorteil, über attraktive Arbeitsbedingungen angesichts von Fachkräftemangel besseren Zugang zu Fachkräften zu haben. Zudem ist die Arbeitsleistung in Co-Working-Spaces meist effizienter als zuhause. Es haben sich bereits mehrere Arbeitgeber und –nehmer gefunden, die sich an dem Pilotvorhaben beteiligen wollen.

 

Hürden gilt es zu überwinden!

Gerade in einem Projekt, das Digitalisierung zum Inhalt hat, werden Grenzen schnell erreicht. Dabei liegen diese selten in der technischen Umsetzung digitaler Anwendungen, sondern häufig bei den Menschen selbst. Viele stehen digitalen Innovationen verhalten gegenüber. Häufig ist digitale Überzeugungsarbeit zu leisten. Aus diesem Grund richtete sich der Fokus immer wieder auf die umfassende Information der Bürger sowie eine gemeinsame Umsetzungsentwicklung, um eine nachhaltige Nutzung sicherzustellen. Das Team des Technologie Campus Grafenau organisiert Bürgerversammlungen und Arbeitskreise, in denen Projektideen vorgestellt und diskutiert sowie grundlegende Dinge zum Thema Digitalisierung erläutert werden. Ein intensiver und regelmäßiger Bürgerdialog, in dem auf Bedürfnisse und Wünsche, aber auch auf Ängste und Vorbehalte eingegangen wird, ebnet den Weg für eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung. Zudem wurden Befragungen durchgeführt, um Status Quo und Bedarfe zu quantifizieren. So konnten in einer Umfrage zur Medienkompetenz, die sich an Lehrkräfte, Eltern und Kindergartenpersonal in Frauenau und Spiegelau richtete, die Anforderungen an ein digitales Schulportal und die Erwartungen an ein zukunftsorientiertes Digitales Klassenzimmer ermittelt werden. Senioren wurden in einem vom Bayerischen Sozialministerium geförderten Projekt fit gemacht für die Nutzung von Smartphone, Internat, Tablet & Co. Auch hier bildetet eine breite Befragung die Basis für die Entwicklung passgenauer Angebote. Im Themenfeld Arbeiten befragte das Team in der Modellregion Arbeitnehmer und Arbeitgeber als potentielle Nutzer des Coworking Spaces, welche Erwartungen sie an ein Konzept haben und welche Bedingungen sie stellen.

Bundespräsident Steinmeier informierte sich über digitale Dörfer

Das Projekt Digitales Dorf will ganzheitliche Erfolgsrezepte schaffen, die – miteinander vernetzt – die Attraktivität des ländlichen Lebensraums signifikant steigern. Die teilnehmenden Gemeinden können durch das Projekt nicht nur die Lebensqualität ihrer Einwohner erhöhen, sie können sich darüber hinaus als innovative Wirtschafts- und Lebensstandorte im regionalen Wettbewerb positionieren. Am 18. Juli 2018 besuchte sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Technologie Campus Grafenau, um sich persönlich über das Projekt „Digitales Dorf“ zu informieren. Ein Projekt, das Digitalisierung zu den Menschen bringt und Nutzen fassbar macht!

Kontakt:

Technologie Campus Grafenau

Tel.: 08552/975620-0

E-Mail: info.tc-grafenau@th-deg.de

www.tc-grafenau.de

 

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