Das Unsichtbare sichtbar machen. Digitale Waldpädagogik im Bürgerwald Eggenfelden.

Quelle: Stadt Eggenfelden

Der digitale Waldlehrpfad in Eggenfelden ist durch seine 3D-Animationen nicht nur ein innovatives Instrument der Waldpädagogik, sondern ein ganz praktisches Hilfsmittel, um den Nutzen von Digitalisierung für jeden Einzelnen erlebbar zu machen.

Digitalisierung ist – endlich – auch in der Politik angekommen und fehlt heute bei keiner Festrede mehr. Vom digitalen Klassenzimmer bis zum E-Government, vom Breitbandausbau bis zum Internet der Dinge. Fast hat der Betrachter den Eindruck, ein wahres Wettrennen um die Verwendung des Schlagwortes und die Ankündigung von „mehr Digitalisierung“ hat auf allen Ebenen eingesetzt. Doch was kommt davon bei den Bürgern an, wo wird Digitalisierung für jeden sichtbar und begreifbar? Was passiert denn auf den Datenautobahnen? Welche Inhalte werden mit welchen Techniken transportiert? Die Stadt Eggenfelden hat sich ein Pilotbeispiel ausgesucht, das auf den ersten Blick so gar nicht zusammen zu passen scheint: Naturerlebnis im Wald und High-Tech Darstellung. Eine Welt zwischen Realität und Virtualität.

Förster erklärt virtuell den Klimawandel

 

Städtischer Wald als Innovationsplattform

Der städtische Bürgerwald ist eine stadtnahe Erholungs- und Bewirtschaftungsfläche von rund 55 ha. Der Wald ist gleichzeitig Anlaufstelle für zahlreiche Klassen- und Gruppenführungen sowie Veranstaltungsort für die Walderlebnisspiele der Forstverwaltung im Landkreis Rottal-Inn. Im Jahr 2013 war er Träger des Staatspreises für vorbildliche Waldbewirtschaftung. Seit 30 Jahren gibt es auch einen Waldlehrpfad, der aber eher nostalgischen als pädagogischen Wert vermittelte. Im Rahmen eines P-Seminars nahmen sich Schüler des Karl-von-Closen Gymnasiums im Schuljahr 2017/2018 dieses Themas an. Ihre Idee war, den Waldlehrpfad mit Hilfe von QR-Codes digital aufzufrischen. Erste Prototypen von Infotafeln mit im Internet hinterlegten Zusatzinformationen wurden im Unterricht entwickelt.

Im Sommer 2017 ergab sich dann durch unterschiedliche beim Bürgermeister gebündelte Initiativen ein „Fenster der Möglichkeiten“ aus dieser Idee weit mehr zu machen. Zum einen konnte die Finanzierung der Errichtung eines Innovationszentrums für digitales Planen und Entwickeln in einer denkmalgeschützten Brauerei/Mälzerei im Besitz der Stadt durch Förderwege des Bundes (Nationale Projekte des Städtebaus), der EU (EFRE) und des Denkmalschutzes (E-Fonds) und Eigenmittel der Stadt gesichert werden. Das Innovationszentrum RegioLAB soll bayernweit das Kompetenzzentrum für die Anwendung von 3D-Techniken wie Virtual Reality und Augmented Reality in Entwicklungsprozessen werden. Zum anderen schrieb das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten den Wettbewerb „Waldattraktionen Bayern“ aus. Zweck des mit maximal 250.000 € dotierten und einer Förderquote von 80% ausgestatteten Wettbewerbs war „das vorstehende Verständnis von Nachhaltigkeit durch neue methodische Ansätze für noch mehr Bürgerinnen und Bürger nachvollziehbar und erlebbar zu machen. Ergänzend zum bestehenden Bildungsangebot sollen neue Wege der Kommunikation und Partizipation beschritten werden. Insbesondere innovative Ansätze und die Nutzung moderner Medien und Technologien als Instrumente der Waldpädagogik sollen Eingang finden.“ Anlässlich eines Besuches des damaligen Landwirtschaftsministers Helmut Brunner im Bürgerwald konnte der erste Bürgermeister erste Projektideen für einen digitalen Waldlehrpfad vorstellen. Der Staatsminister ermutigte zur Teilnahme am Wettbewerb. Der Zuschlag erfolgte dann im Februar 2018.

Die Idee

Das Projekt „Digitaler Waldlehrpfad im Bürgerwald“ beinhaltet drei Ebenen. In „Bürgerwald klassisch“ – dem analogen Teil – werden die vorhandenen Wege ertüchtigt bzw. neue angelegt, ein Eingangs- und Willkommenspunkt mit einer Orientierungswand eingerichtet, sowie zusätzliche ökologische Maßnahmen an Biotopen durchgeführt. Für Schulklassen wird ein „Grünes Klassenzimmer“ eingerichtet.

Eröffnung des QR-Pfads durch Bürgermeister Grubwinkler, Förstern und Lehrern des Gymnasiums

Die nächste – digitale – Ebene umfasst 25 neue Stationen des Waldlehrpfads mit Infotafeln mit QR-Codes. Der Betrachter kann mit seinem privaten Smartphone Hintergrundinformationen, die auf sogenannten „Landing Pages“ im Internet hinterlegt sind, abrufen. Hier ist eine relativ zeitnahe Ergänzung bzw. weitere Attraktivierung der Internetseiten möglich, so dass ein lebendiges Informationssystem entsteht.

Die Königsdisziplin des digitalen Waldlehrpfades ist Ebene drei – der Bürgerwald in Augmented Reality. Hier vermischen sich reale Welt und virtuelle Welt. Spezielle AR-Technik verleiht dem Betrachter ein zweites Paar Augen: Eigentlich Unsichtbares wird plötzlich sichtbar. Der Besucher wird durch einen virtuellen Avatar, den Fuchs Aramis, zu den insgesamt zehn Stationen geleitet. Dieser stellt Aufgaben, erklärt Lösungen, biologische und physikalische Phänomene und Vorgänge. Aber vorher zeigt der Schmetterling Sepp, wie mit der neuen Technik umzugehen ist. Die kleinen Tablets sind eigens für den AR-Lehrpfad programmiert und kinderleicht zu bedienen. Sie können bei Ausgabestellen der Stadt ausgeliehen werden. Zum Schluss erklärt die Schwalbe Sarah, wie jeder Smartphone-Besitzer einen Beitrag zur Ressourcenschonung und letztlich mehr Nachhaltigkeit leisten kann.

Unseres Wissens ist der AR-Waldlehrpfad bisher weltweit einzigartig. Zwar werden vor allem in Asien und den USA virtuelle Museumsrundgänge angeboten – aber bisher noch nicht in freier Natur.

Die technischen Herausforderungen

Es musste technologisches Neuland betreten werden. Eine bereits konfektionierte Lösung gab es am Markt nicht bzw. war wenig befriedigend. Die Auswahl des technischen Begleiters war daher von herausragender Bedeutung. In einer Ausschreibung setzte sich ein Start-up durch, das aus der Region stammt und im städtischen Gründerzentrum seinen Stützpunkt vor Ort hatte. Dadurch war jederzeit eine enge Abstimmung möglich und gleichzeitig unterstrich Eggenfelden seinen Ruf als „Hotspot“ für 3D-Animationen und Planung. Das Tracking-System, also das optische Orientierungssystem für die jeweiligen virtuellen Anwendungen, war die Kernherausforderung. Es sollte sowohl bei den unterschiedlichen Bodenverhältnissen (Laub, Kies, Waldboden), als auch bei Regen wie Sonnenschein zuverlässig funktionieren. Der Berater, die ARaction GmbH, entwickelte dazu ein vollkommen neues System. Diese Produktentwicklung verschlang einen erheblichen Anteil des Budgets. Dann tauchte das Problem der Akku-Laufzeiten auf. Da der AR-Pfad durch den gesamten Bürgerwald geht, muss die Ladekapazität für mindestens 150 Minuten reichen, AR-Anwendungen aber durch ihre Datenmengen ein Stromfresser sind. Bei Vollbetrieb bestand die Gefahr, dass im letzten Drittel „der Saft ausgeht“. Dies wurde gelöst, indem zwischen den einzelnen Stationen, den „Laufstrecken“ das Gerät auf Schlafmodus schaltet und erst bei der neuen Stationen wieder voll aktiviert wird. Nur gut sechs Monate Zeit standen zur Verfügung, um die Technik ins Laufen zu bringen und die anspruchsvollen Inhalte in attraktive AR-Animationen zu übersetzen. Ein mehrköpfiges Programmiererteam arbeitete fast Tag und Nacht daran. Heute ist klar, dass die immersiven Techniken enormes Potenzial bieten, komplexe Sachverhalte verständlich und spannend zu vermitteln. Die didaktischen Möglichkeiten des AR-Waldlehrpfads sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft – wir stehen hier erst am Anfang einer neuen Erlebnis- und Lernwelt.

Der Avatar „Aramis der Fuchs“ erklärt den Wasserkreislauf im Wald

 

Die pädagogischen Herausforderungen

Die inhaltliche Komplexität des Ökosystems Wald so zu komprimieren, dass die unterschiedlichen Zielgruppen, vom Jugendlichen bis zum Waldbesitzer, von der Familie bis zum touristischen Besucher sich angesprochen fühlen und jeweils vor unterschiedlichen Erfahrungshintergründen interessante Informationen mitnehmen können, stellte große Anforderungen an die Didaktik. Es sollte ja kein „Theoriedurchgang“ sein, sondern die realen Situationen und „Lerngegenstände“ im Bürgerwald standen im Vordergrund. Erst aus der Wahrnehmung der Realität sollten zusätzliche Inhalte, quasi im Hintergrund, sichtbar werden. Die Reduktion auf das Wesentliche vor dem, was vor Ort auch real erlebbar ist, stand also im Vordergrund. Die zehn Stationen bilden einen Rundgang, bauen aufeinander auf und handeln wesentliche Eckpunkte des Ökosystems Wald vor dem Hintergrund des Klimawandels und des nachhaltigen Waldaufbaus ab. Station 1 macht mit der Technik und den virtuellen Begleitern vertraut. In Station 2 wird ein Überblick über das Ökosystem Wald gegeben und in den nächsten 4 Stationen vertieft. Bäume & Fotosynthese, Tiere & Nahrungsketten, Totholz & Waldboden, der Wasserkreislauf sind die folgenden Stationen. Der Hauptteil B, die Stationen 7 bis 9, stellen die Einflüsse dar: von der Holzproduktion & -verwendung, über den Klimawandel bis hin zu Nachhaltigkeit & CO2-Bilanz. Zum Schluss wird der Einflussfaktor Mensch als Teil des Ökosystems thematisiert. Es erscheint ein virtueller Förster und erklärt den Klimawandel, der Wassertransport im Baum wird anschaulich oder der Blick geht ins Innere eines Ameisenhaufens.

Die konzeptionelle Auswahl der Inhalte und Wegeführung war Teamarbeit. Kerninhalte lieferte eine projektbezogen eingestellte forstwirtschaftliche Fachkraft mit Zusatzqualifizierung in Waldpädagogik. In der Verknüpfung von Lehrplänen und Unterrichtsmedien brachte sich der renommierte Cornelsen Schulbuchverlag aus Berlin ein. Seine Fachleute übernahmen das Lektorat der Texte und berieten in der didaktischen Aufbereitung. Die Biologielehrer des P-Seminars waren mit dabei sowie die Förster des Amtes für Landwirtschaft und Forsten Rottal-Inn. Das technische Beraterteam moderierte, akquirierte Bildmaterial, gestaltete das Corporate Design und schlug die Brücke zwischen pädagogischen Wünschen und technischer Umsetzbarkeit. Nicht zuletzt war der Bürgermeister quasi als Hausherr, Chef des Bauhofes und Bindeglied zu den Schulen und zur Bürgerschaft immer eingebunden.

Die politischen Herausforderungen

Eine große Überraschung hielt die politische Einbindung und Diskussion in der Öffentlichkeit für den Bürgermeister bereit. In der großen Euphorie, unter zahlreichen Anträgen aus Bayern gerade wegen des Innovationscharakters vom Landwirtschaftsministerium ausgewählt worden zu sein und auch der Faszination, technisches Neuland zu betreten und Digitalisierung nicht nur als Worthülse, sondern ganz praktisch und greifbar darstellen zu können, war die Ernüchterung groß, als im Stadtrat dann über die Durchführung und die Bereitstellung des Eigenanteils für die eigentliche Digitalisierung in Höhe von rund 29.000 € auf fünf Jahre verteilt diskutiert wurde. In der bislang längsten Diskussionen eines Tagesordnungspunktes, zu der sich nahezu jeder Stadtrat zu Wort meldete, wurden Bedenken geäußert, die das Projekt sehr kritisch beleuchteten und in einer grundsätzlich fast schon ethisch motivierten Auseinandersetzung mündeten, ob denn das letzte Refugium einer handyfreien Zone, der Wald, auch noch für die Smartphone-Generation geopfert werden solle. Teilweise wurde ein Szenario an die Wand gemalt, dass die Schüler wie bei Pokemon Go blindlings durch den Wald irren und sich verletzen, pädagogischer Nutzen und Wirksamkeit wurden hinterfragt. Die Argumente der Befürworter waren, dass gerade Jugendliche in der Pubertät freiwillig wohl kaum mehr am traditionellen Familienausflug in den Wald teilnehmen, diese Zielgruppe für ein Naturerlebnis weitgehend verloren wird, wenn nicht ein zusätzlicher Motivationsfaktor dazu käme. Gerade die Smartphone-Generation müsse von ihren heimischen Bildschirmen weggeholt werden. Dies könne nur durch die Verbindung beider Welten erfolgreich gelingen. Die digitale Revolution ist bereits Faktum, heute gilt es, daraus den positiven Nutzen zu ziehen und Ängste abzubauen. Die Maschinenstürmerei vergangener Zeiten sei keine Handlungsperspektive in der modernen Welt. In einer sehr ernsthaften Aussprache fand die Abwägung der Argumente statt. Zum Schluss entschieden sich der Stadtrat mit 22 zu 2 Stimmen für die Realisierung des digitalen Waldlehrpfads. Die Welle schwappte dann in die Öffentlichkeit über. Umweltgruppen und besorgte Eltern meldeten sich zu Wort. In persönlichen Gesprächen versuchte der Bürgermeister das Konzept zu erklären, die Ängste ernst zu nehmen und aufzuzeigen, dass das Projekt das Verständnis für Ökologie eher fördere als begrabe. Aber da, wo Weltanschauungen aufeinander prallen, ist schwer zu argumentieren. Alle diejenigen, die bisher als „Beta-Tester“ den AR-Pfad erleben konnten, waren begeistert, vom Erlebnisfaktor, aber auch von den pädagogischen Möglichkeiten – und keiner hat sich bisher im Wald verirrt.

Die politische Diskussion im Vorfeld zeigt auf, wie wichtig praktische Beispiele sind. Augmented Reality lässt sich nicht theoretisch fassen, das Wirkungsvollste ist, sie einmal selbst auszuprobieren – dann klären sich viele Vorurteile von selbst.

Der digitale Waldlehrpfad in Eggenfelden ist also nicht nur ein innovatives Instrument der Waldpädagogik, sondern ein ganz praktisches Hilfsmittel, um den Nutzen von Digitalisierung für jeden Einzelnen erlebbar zu machen.

Einbettung in die Digitalisierungsstrategie der Stadt

Der digitale Waldlehrpfad im Bürgerwald ist ein wichtiger Meilenstein in der Digitalisierungsstrategie der Stadt Eggenfelden. Als Leuchtturmprojekt zeigt er ganz praktisch die Möglichkeiten der neuen dreidimensionalen Simulations- und Animationstechniken. Ebene 1 und digitaler QR-Pfad sind in Betrieb gegangen. Der AR-Pfad ist technisch abgenommen und fertig. Er wurde im März 2019 von Frau Staatsministerin Michaela Kaniber offiziell eingeweiht und steht seither jedem kostenlos gegen Voranmeldung zur Verfügung.

Das nächste Projekt in Eggenfelden ist ein 3D-Lernlabor im digitalen Gründerzentrum BizJuz, eines von vier niederbayerischen Zentren. Als Verbundklassenzimmer steht es den Schulen in der Region für dreidimensionales Lernen zur Verfügung. Aber auch im Bereich der Erwachsenenbildung und für kleine und mittelständische Unternehmen sind die 3D-Anwendungen von Nutzen. Es startete Anfang 2019.

Zusammengeführt werden die 3D-Aktivitäten auf rund 2.200 qm Nutzfläche im Innovationszentrum für digitales Planen und Entwickeln RegioLAB Bayern in der denkmalgeschützten Brauerei/Mälzerei im Tagungs- und Kreativzentrum der Schlossökonomie Gern. Die Bauarbeiten haben begonnen. Die Inbetriebnahme ist für Anfang 2021 projektiert.

Die Stadt Eggenfelden positioniert sich durch diese Projekte als regionales Kompetenzzentrum im Bereich 3D. Strukturpolitisch soll durch eine klare inhaltliche Ausrichtung der digitale Wandel begleitet und für die Wirtschaftsentwicklung der Stadt proaktiv genutzt werden.

 

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